
Erdölabbau in Ecuador — eine Reportage
Im Januar / Februar 2026 war eine Schüler*innengruppe der KKS in Ecuador. Die Gruppe bekam mit Hilfe der ecuadorianischen NGO „Acción ecológica“ die Gelegenheit, ein Erdölgebiet im Norden Ecuadors zu besuchen, um sich ein eigenes Bild von den Folgen der Erdölförderung zu machen. Dabei ist diese Reportage entstanden.
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In Ecuador, etwa sechs Autostunden entfernt von der Hauptstadt Quito, befindet sich das Gebiet Pacayacu.

Mitten im Amazonas Regenwald Ecuadors gelegen, weist es eine spektakuläre, für uns Europäer*innen vollkommen fremde Natur auf: Hier wachsen Pflanzen in intensiven Farben dicht nebeneinander und kämpfen hoch über unseren Köpfen um einen Platz am Sonnenlicht. Das Klima erinnert mich an das Affenhaus im Zoo. Die Luft ist warm und klebrig vor Luftfeuchtigkeit.
Unterbrochen wird die Idylle von dem mit Schlaglöchern gespickten Asphalt. Wir überqueren in unserem Minibus einen Fluss und dann sehen wir, inmitten einer kahlen Fläche, eine Stele, an dessen Ende eine hohe, rote Flamme im Wind lodert. In gewisser Weise ist dies ein erstes Warnsignal.

Es handelt sich um eine Gasfackel, oder auf Spanisch „mechero“, was mit Feuerzeug übersetzt werden kann. Durch Rohre, die neben der Straße verlaufen, wird das Erdölbegleitgas hergeführt und verbrannt. Es ist ein Nebenprodukt, das bei der Erdölförderung aus dem Boden freigesetzt wird und für die Industrie keinen weiteren Nutzen hat. In einer der 56 Stationen in der Region wird das vor Ort gewonnene Erdöl, welches als fossiler Brennstoff verkauft werden soll, vom Erdölbegleitgas und einem zweiten Nebenprodukt, dem Formationswasser, getrennt, bevor es in einer Erdölraffinerie weiterverarbeitet wird. Das Formationswasser wird nach der Trennung von Öl und Gas zurück in die Bohrlöcher gepresst. Damit wird sichergestellt, dass der für die Förderung nötige Druck erhalten bleibt. Dieser Schritt der Erdölförderung funktioniert ungefähr so, als würde man durch den Strohhalm einer Capri Sonne pusten, um Zugang zum letzten Rest Flüssigkeit zu bekommen. Noch vor einiger Zeit allerdings wurde das Formationswasser auf eine noch umweltschädlichere Weise entsorgt: Mit Lastwagen und mithilfe von Rohren gelangte das kontaminierte Wasser in den Fluss, an dem wir vorbeigefahren sind. Oder: Es wurde einfach in den Wald geschüttet, sodass sich Becken voller Formationswasser bildeten.

Eines dieser Becken bekommen wir zu Gesicht. Es ist das letzte in der Gegend. Alle anderen wurden mit Erde und Bäumen zugeschüttet. Es wird darüber hinweg getäuscht, dass sie immer noch da sind und ihrer Umwelt schaden. Die Becken sind dadurch unsichtbar gemacht worden. Unser Guide vergleicht diese Art der Vertuschung damit, ein Katzenklo zu säubern, indem man einfach neues Streu darauf kippt. Mir scheint es, als hätte sich die ölig-schwarze Farbe des Beckens in der Umgebung ausgebreitet, so ungesund sehen die Pflanzen in unmittelbarer Nähe aus. Außerdem finden wir einen kleinen Überrest eines Beckens am Straßenrand, auf dessen Oberfläche ein Luftkissen schwimmt. Dort wurde anscheinend eine Sperre installiert, um das Öl vom sauberen Wasser zu trennen. Rein optisch betrachtet, macht die Trennwand keinen großen Unterschied — der künstliche Teich scheint überall eine ähnliche, schlammig-dunkle Farbe zu haben. Unser Guide bestätigt: Die Ölpest wird dadurch nicht aufgehalten. Wohl aber gäbe es Möglichkeiten, das Wasser zu reinigen. Doch diese stünden den einfachen Menschen in Ecuador nicht zur Verfügung.

Das Formationswasser kommt, wie das Erdöl und das Begleitgas, aus dem Boden und Wasserproben haben ergeben, dass es unter anderem über einen sehr hohen Salzgehalt verfügt, sodass es sogar noch wesentlich salziger als Meerwasser ist. Für Menschen, Pflanzen und Tiere ist es giftig. Aus den Becken gelangt das kontaminierte Wasser in das Grundwasser. Und von dort aus wird es von den Pflanzen aufgenommen, von denen manche Tieren und Menschen als Nahrungsmittel dienen. Das kontaminierte Wasser wird beispielsweise für die Bewässerung von Obst und Gemüseplantagen in der Region verwendet und dient den Nutztieren als Trinkwasser. Es führt dazu, dass Ernten schlecht ausfallen, reduziert damit den Umsatz der Bäuerinnen und Bauern und sorgt dafür, dass die Tiere krank werden und sterben.

Und es vermischt sich mit dem Wasser im Fluss, der Mittelpunkt für so viel Leben in der Region ist. Er fließt durch alle Gemeinden im Umkreis und verseucht schließlich größere Flüsse. Damit macht er die Abfälle der Ölindustrie zum Problem eines großen Teils der Bevölkerung im nördlichen Amazonasgebiets Ecuadors. Ein weiterer problematischer Aspekt der Erdölförderung in Ecuador ist das Verbrennen von Erdölbegleitgas. Hierdurch entstehen Treibhausgase wie Methan und Kohlenstoffdioxid. Letztere verstärken den anthropogenen Treibhauseffekt. Damit trägt die Erdölindustrie ihren Beitrag zum globalen Klimawandel und dem damit verbundenen Teufelskreis der Zerstörung bei.
Die Gasfackeln brennen Tag und Nacht, solange sie nur mit Begleitgas gefüttert werden. Bei Dunkelheit wird bekanntlich die Motte vom Licht angezogen und — zack! — findet man rund um das Feuer ein Massengrab an Insekten und anderen Tieren. Des Weiteren entsteht giftiger Ruß. Dieser kommt im sogenannten sauren Regen wieder auf die Erde zurück und verpestet Boden, Luft, Pflanzen und Gewässer in der Umgebung. Die Regionen in denen die Gasfackeln stehen, werden als sogenannte „Opferzonen“ bezeichnet. Die Menschen in der Umgebung atmen die giftigen Gase ein. Ihre Gesundheit wird aufs Spiel gesetzt — geopfert.
Unser Guide zeigt uns eine Stelle am Fluss, die von Jugendlichen zum Schwimmen verwendet wird und als der Treffpunkt überhaupt gilt. Der Fluss fließt dort an einer Bar mit Tanzfläche und bunten Wimpeln vorbei unter einer Straße entlang.

Neben jener Straße befinden sich Rohre, in denen Erdöl transportiert wird. Wir erfahren, dass das Formationswasser korrosiv ist und die Leitungen angreift. Wenn die Rohre kaputt gehen, kommt es zu oil spills in die Umwelt. Entsprechend gefährlich ist dann das Baden im Fluss, doch den Jugendlichen ist das Gesundheitsrisiko egal — wenn sie schwimmen gehen wollen, haben sie nicht wirklich eine andere Wahl. Der Fluss wird außer zum Baden von den Ortsansässigen auch zum Waschen von Kleidern verwendet. Unser Guide erzählt uns von Frauen, die berichtet haben, dass das Wasser dabei irgendwann nicht mehr geschäumt habe. Wir bekommen die Möglichkeit, mit einer von ihnen, einer Krankenschwester, zu sprechen. Sie gibt uns einen Überblick über die Folgeschäden für die lokale Bevölkerung. Die Anzahl der Krankheitsfälle, vor allem unter den Frauen, in der Region steigt, während sich die Situation mit der Kontamination nicht verbessert. Uns wurde von Familienmitgliedern berichtet, die an Krebs gestorben sind; Von Kindern, deren Verdauungstrakt von Parasiten befallen wurde; Von Fehlgeburten; Von Depressionen. Für Menschen kann schon der Kontakt von außen schädlich sein. Wir erfahren, dass Haut und Augen beim bloßen Kontakt mit dem Wasser gereizt werden. Die Kontamination macht es gefährlich, hier zu leben. Und Schuld daran ist Petroecuador.
Das staatseigene Erdölunternehmen fördert seit den 80er Jahren in der Umgebung Erdöl. Mithilfe der NGO, zu der auch unser Guide gehört, haben die Menschen, die hier wohnen, den ecuadorianischen Staat verklagt — und gewonnen. Bisher wären allerdings nur wenige, klägliche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation unternommen worden, so unser Guide. Forderungen bleiben beispielsweise weiterhin eine Trinkwasserleitung mit sauberem Wasser aus den Anden oder das Abpumpen der Becken. Gnadenlos sterben ihretwegen weiterhin Menschen, Pflanzenarten und Tiere ab. Der Boden bleibt verseucht, die Luft verschmutzt, und das Trinkwasser kontaminiert. Dort zu leben, bleibt gefährlich.
Wenn ich auf dieser Tour eines gelernt habe, dann wie dankbar ich dafür sein kann, dass ich über so viele Privilegien verfüge; dass ich auf die Art und Weise leben kann, wie ich es gewöhnt bin. Privilegien, für die andere Menschen leiden müssen. Ich werde heute Abend in Lago Agrio im Pool schwimmen gehen, dann im Restaurant zu Abend essen und danach in meinem Zimmer mit Klimaanlage schlafen.
In vielen Ländern, unter anderem in Deutschland, gibt es eine hohe Nachfrage an Erdöl als fossilem Brennstoff. Ecuador hat ein natürliches Erdölvorkommen. Es ist also naheliegend und profitabel, das Erdöl in Ecuador zu fördern und zu verkaufen. Ökologisch nachhaltig ist das aber nicht. Es zerstört seine Umwelt und trägt zum globalen Klimawandel bei. Und das nur, damit wir Konsument*innen unsere Lebensstandards nicht aufgeben müssen.
Aber andere sind tagtäglich am überleben, kratzen am Existenzminimum, weil ihre Nutztiere wegsterben; müssen sich Gedanken machen, wo sie sauberes Wasser herbekommen; müssen mit ansehen, dass anderen Menschen, die ihnen Nahe stehen, langsam, das Leben entrissen wird. Weil sie nichts verändern können.
Text: Paula D. (Jg. 12)
Fotos: Susanna und Nina (Jg. 12)

